
Biografie
Moriz Nähr
Lebensweg eines Fotografen
Die bedeutendsten Meilensteine Moriz Nährs werden in den folgenden biografischen Etappen näher skizziert.
1859 – 1872 Kindheit
Moriz Nähr wurde am 4. August 1859 geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater Johann Georg starb bereits im Jahr 1872 überraschend an einer Lungenentzündung, als Moriz erst zwölf Jahre alt war.
Moriz Nähr wurde am 4. August 1859 als sechstes Kind einer Tandlerfamilie am Spittelberg Nr. 121 (heute Neustiftgasse 11) geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Das Geburtshaus Nährs in der Neustiftgasse 11, ein zweigeschoßiges Biedermeierhaus, hatte ursprünglich dem Tandler Franz Heilsam gehört. Nach dessen Tod ging das Haus an seine Frau Juliana. 1828 übernahm es Johann Michael Nähr, von dem es 1830 an seine Frau Anna und 1845 an seinen Sohn Johann Georg Nähr fiel. Dessen Frau, Antonia Neumann, war eine Enkelin des früheren Besitzers Franz Heilsam. Johann Georg und Antonia hatten sieben Kinder, unter ihnen Johann Georg Nähr (1812–1872), den Vater Moriz Nährs. Johann Georg wurde Möbeltandler und heiratete 1847 die Tandlertochter Antonia Neumann (1824–1899). Nach der Geburt von fünf Kindern – Karl (1848–1878), Leopoldine (1849–1930) und drei Kindern, die innerhalb weniger Monate starben – kam Moriz Nähr zur Welt. Er bekam noch zwei weitere Geschwister: Friedrich (1861–1900) und Antonia (1865–1928).
Der Vater Johann Georg starb bereits im Jahr 1872 überraschend an einer Lungenentzündung, als Moriz erst zwölf Jahre alt war. Nach Johann Georgs Tod übernahmen seine Frau Antonia und die Kinder (unter ihnen Moriz Nähr) das Haus.
Moriz Nähr besuchte nach der Volksschule eine Unterrealschule. Am wahrscheinlichsten war das die einzige Unterrealschule im 7. Bezirk, die Private Haupt- und Unterrealschule des Bernhard Speneder in der Kirchengasse 99. Laut mündlicher Überlieferung der Familie Nähr besuchte Moriz anschließend eine Mittelschule, konnte diese jedoch nicht abschließen, da durch seine Ungeschicklichkeit oder einen missglückten Streich ein Ofen im Klassenzimmer umfiel und einen Brand auslöste. Moriz musste die Schule verlassen.

1875 – 1877 Wunschberuf Maler
Wahrscheinlich lernte Moriz Nähr während seiner Zeit an der Kunstgewerbeschule Gustav Klimt kennen. Seine Ausbildung wurde unterbrochen und er assistierte seinem Bruder Karl in einem Fotoatelier in Schemnitz.
Moriz besuchte für eineinhalb Jahre die Kunstgewerbeschule im Gebäude des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Dort lernte er Maximilian Lenz kennen. Die gleichaltrigen Maximilian Lenz und Moriz Nähr wurden enge Freunde. Gustav Klimt kam erst 1876 an die Kunstgewerbeschule. Wahrscheinlich lernten sich Nähr und Klimt hier kennen und schlossen eine Freundschaft, die bis zum Tod des Künstlers andauern sollte.
Im selben Jahr heiratete Nährs älterer Bruder Karl in Wien Karoline Edler. Ihr Sohn Karl Anton Moriz wurde am 6. Januar 1877 geboren, und Nähr war sein Taufpate.
September 1877 reiste Nähr mit seinem Bruder nach Schemnitz. Karl führte dort ein Fotoatelier. Geplant war, dass Moriz seinem Bruder im Fotoatelier helfen, später vielleicht sogar sein Teilhaber werden sollte. Im Oktober 1877 schrieb er voller Sorge an seine Mutter: »Ich bekomme jetzt schon so erfrorene Hände, daß [ich] nicht einmal eine Faust machen kann, ich weiß daß es im Winter so weit kommen wird, daß ich nicht einmal retouschieren können werde, viel weniger copieren was eigentlich meine Arbeit ist.« Er plante, zu Fuß nach Wien zurückzukehren, da dies die billigste Option war, doch dieser Plan wurde nicht verwirklicht.

1878 – 1886 Nährboden für die Secession
Moriz Nähr verließ Schemnitz nach dem vorzeitigen Tod seines Bruders. Nach seiner Rückkehr nach Wien schrieb er sich als Gaststudent an der Allgemeinen Malerschule der k.k. Akademie der bildenden Künste ein.
Am 16. Februar 1878 starb Karl im Alter von 30 Jahren an einer Lungentuberkulose. Für Moriz war es nicht mehr möglich, in Schemnitz zu bleiben, und er kehrte nach Wien zurück. Im Oktober 1878 schrieb er sich als Gasthörer an der Allgemeinen Malerschule der k.k. Akademie der bildenden Künste ein. Er besuchte Vorlesungen zur Styllehre bei Professor George Niemann und zur Allgemeinen Geschichte bei Professor Adalbert Horawitz. George Niemann lehrte Perspektive und architektonische Stillehre und arbeitete zu jener Zeit an seinem Handbuch der Linear-Perspektive für bildende Künstler, mit deren Prinzipien er seine Studenten vertraut machte.
Zu Nährs Kollegen an der k.k. Akademie der bildenden Künste gehörten sein guter Freund Maximilian Lenz, Friedrich König, Karl Pippich, Eduard Kasparides, Eugen Schroth und Julius Reisinger. Sie wurden zum Zentrum der Hagengesellschaft, einer losen Gruppe von Künstlern, die 1880 gegründet wurde. Man traf sich oft auch mehrmals in der Woche im Blauen Freihaus und im Café Sperl in der Gumpendorfer Straße. Die Hagengesellschaft wurde später eine wichtige Keimzelle der Secession und des Hagenbundes – und für Nähr Netzwerk und lebenslange Freundesrunde.
Als nach dem schockierenden Ringtheaterbrand am 8. Dezember 1881, bei dem mehrere hundert Menschen das Leben verloren, spontan die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft gegründet wurde, war Nähr Gründungsmitglied. Er war auch ein eifriges Mitglied des Ersten Wiener Turn-Vereins, wo man einander zum Turnen und Fechten traf. Turner wurden immer wieder bei »Unglücksfeuern« gerufen. Nähr wurde 1886 sogar in den »Turnrath« gewählt.
1890 – 1894 Erste öffentliche Anerkennung
Während dieser Zeit schloss Moriz Nähr Freundschaft mit der Familie Wittgenstein. Erste öffentliche Anerkennung fand Nähr 1891 mit Waldinneres und Aus dem Prater bei der »Internationalen Ausstellung künstlerischer Photographien« in Wien.
Um 1890 nahm Nähr den ersten Kontakt zur Familie Wittgenstein auf. Vermittelt wurde der Kontakt wahrscheinlich durch den Maler Johann Victor Krämer (1861–1949), einen Freund aus der Hagengesellschaft, der eine Zeit lang als Zeichenlehrer bei den Wittgensteins tätig war. Nähr war ein gern gesehener Gast der Familie Wittgenstein und wurde von Hermine Wittgenstein (1860–1947) als »so ein lieber feiner Mensch, mit so viel Zartgefühl« charakterisiert. Eine besonders enge freundschaftliche Bindung bestand zu Clara Wittgenstein. Nähr wurde immer wieder gebeten, wichtige Familienereignisse und Treffen an den verschiedenen Familiensitzen der Wittgensteins fotografisch festzuhalten.
Nähr hatte nie ein eigenes Atelier, sondern arbeitete immer zu Hause, wo er sich eine Dunkelkammer hinter einem Verschlag in der Küche eingerichtet hatte.
Erste öffentliche Anerkennung fand Nähr 1891 mit Waldinneres und Aus dem Prater bei der »Internationalen Ausstellung künstlerischer Photographien« (4. Mai bis 14. Juni 1891) in Wien. Nach diesem Erfolg ließ sich Moriz Nähr im Handels- und Gewerbe-Adressbuch von Wien als Fotograf eintragen. Er wurde am 16. Mai 1893 als neues Mitglied bei der Photographischen Gesellschaft in Wien angemeldet und ohne Einspruch aufgenommen.
Vom 10. bis 30. Januar 1894 stellten Nähr und sein jüngerer Bruder Fritz (der ein Fotoatelier in der Floridsdorfer Hauptstraße 27 führte) Fotografien auf dem Salon d'Art Photographique des Photo-Club de Paris aus. Moriz Nährs Wienerwald wird von der Pariser Presse als ausgesprochen fein und harmonisch hervorgehoben.

1895 – 1897 Im Dienste des Kaiserhauses
In den späten 1890er Jahren lernte Nähr seine Lebensmensch Ludmilla Waas kennen. Nähr erhielt den Auftrag in September 1897, bei den Kaiserjagden in Ungarn zu fotografieren, zu denen der österreichische Kaiser Franz Joseph I. und der deutsche Kaiser Wilhelm II. in die großen Jagdgebiete Erzherzog Friedrichs von Österreich-Teschen eingeladen wurde.
In 1895 zog Moriz Nähr aus seinem Elternhaus in der Neustiftgasse aus und wohnte mit Ludmilla Waas (geb. Maržik, 1860-1949) in der Sigmundsgasse 5. Sie lebten also zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens nicht weit voneinander entfernt und waren einander wahrscheinlich in der näheren Umgebung begegnet. Die Beziehung mit Ludmilla Waas war ausgesprochen glücklich, blieb jedoch kinderlos. Ludmilla hatte 1878 im Alter von 17 Jahren Franz Joseph Waas geheiratet und am 4. Januar 1879 den Sohn Franz Ferdinand geboren, der jedoch nur 2 Jahre alt wurde.
Am 4. November 1895 wurde Nährs jüngerer Bruder Fritz aufgrund einer fortschreitenden Lähmung in die NÖ Landesirrenanstalt in Wien eingeliefert. Am 13. Dezember 1895 wurde er unter Kuratel gestellt; Moriz Nähr wurde zum Kurator ernannt.
Nähr erhielt den Auftrag in September 1897, bei den Kaiserjagden in Ungarn zu fotografieren, zu denen der österreichische Kaiser Franz Joseph I. und der deutsche Kaiser Wilhelm II. in die großen Jagdgebiete Erzherzog Friedrichs von Österreich-Teschen eingeladen wurden. Seine Beziehung zu Erzherzog Friedrich und seiner Frau Erzherzogin Isabella begann irgendwann Anfang bis Mitte der 1890er Jahre. Isabella, die eine leidenschaftliche Amateurfotografin war, nahm Unterricht bei Nähr und ließ sich von seiner Bildsprache inspirieren.
Die Wiener Secession wurde im selben Jahr gegründet, und Nähr fotografierte ihre Ausstellungen von Anfang an und über Klimts Austritt hinaus. Bereits zur Eröffnung der neuen Ausstellungsräumlichkeiten der Wiener Secession am Wienfluss avancierte Nähr zu deren wichtigstem Ausstellungsfotografen.
1898 – 1901 Anhaltender Erfolg
Nähr erlangte weiterhin öffentliche Anerkennung, seine Fotografien wurden in Ausstellungen wie der »Jubiläumsausstellung« (zum 50. Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph I.) gezeigt.
1898 berichtete die Vereinszeitschrift der Buchhändler, dass Nähr seine Tätigkeit nun »auf das Fotografieren von Industrie-Etablissements, Interieurs von Wohnräumen, Maschinenhallen, Fabriken und dergleichen« verlegt habe. Von diesen Fotografien sind bisher keine bekannt.
Nähr stellte zwischen dem 7. Mai und dem 18. Oktober 1898 auf der »Jubiläumsausstellung« (zum 50. Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph I.) Fotografien aus. In der Ausstellung der Berufsfotografen zeigt Nähr Landschaft bei Klosterneuburg und Partie aus dem Prater. Er stellt acht Landschaftsaufnahmen der Witwe von Kronprinz Rudolf, Stephanie von Belgien, sowie Fotografien erzherzöglicher Beamter von den Wäldern in Teschen aus, die er vergrößert hatte. Zu sehen sind auch Industriefotografien Nährs (Aufnahmen von Maschinenräumen).
Am 24. Februar 1900 zogen Moriz und Ludmilla in die Burggasse 3/16. Im Juli und August desselben Jahres stellte Nähr die Fotografie Donaulandschaft auf der »Jubiläumsausstellung des Vereins zur Pflege der Photographie und verwandter Künste« in Frankfurt am Main aus. Fritz, Nährs jüngerer Bruder, verstarb am 1. Dezember 1900. Die ursprüngliche Krankheit könnte, ähnlich wie bei Egon Schieles Vater, der ein paar Jahre später unter ähnlichen Umständen starb, Syphilis gewesen sein.
Anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung der Wiener Photographischen Gesellschaft fand vom 4. November bis 6. Dezember 1901 eine Ausstellung statt. Moriz Nähr war in der zeitgenössischen Abteilung vertreten.
1902 – 1907 Beethoven und Mahler
Im Jahr 1902 fotografierte Nähr die berühmte »Beethoven-Ausstellung«. Sein Freund aus der Hagengesellschaft, Alfred Roller, der 1903 als Leiter des Ausstattungswesen an die Hofoper geholt worden war, vermittelte Nähr 1907 den Auftrag, Gustav Mahler zu fotografieren.
Im April 1902 fand die XIV. Ausstellung (sogenannte »Beethoven-Ausstellung«) der Wiener Secession statt. Moriz Nähr fotografierte ausnahmsweise auch bereits während des Aufbaus der Ausstellung. Berühmt sind Nährs Fotos der beteiligten Künstler und ein Porträt des im Malerkittel thronenden Klimt.
Zwischen Mai und Oktober desselben Jahres präsentierte Nähr Alt-Wien, frühere Brücke über den Wien-Fluss nächst dem Stubenthor auf der Ausstellung des Deutschen Photographen-Vereins Im Rahmen der »Industrie- und Gewerbeausstellung« in der Abteilung XVI. Polygraphische Gewerbe in Düsseldorf.
Nähr fotografierte Anna Klimt, die Mutter Gustav Klimts, in einem Fauteuil, den sie an ihrem 70. Geburtstag am 27. Jänner 1906 von der Wiener Werkstätte geschenkt bekommen hatte.
1907 wurde Nähr vom Preisgericht der Ausstellungen künstlerischer Fotografien am Erzherzog-Rainer-Museum für Kunst und Gewerbe in Brünn das Anerkennungsdiplom für seine Gesamtleistung verliehen. Im gleichen Jahr entstand die bekannte Porträtserie von Gustav Mahler, die Nähr in der Loggia der Wiener Hofoper anlässlich von Mahlers Abschied als Hofoperndirektor aufnahm. Sein Freund aus der Hagengesellschaft, Alfred Roller, der von Mahler 1903 als Leiter des Ausstattungswesen an die Hofoper geholt worden war, vermittelte den Auftrag und war bei den Aufnahmen anwesend. Nähr wurde auch in diesem Jahr in den Vorstand der Photographischen Gesellschaft gewählt.

1908 – 1910 Kammerphotograph
Nährs berufliche Beziehung zu den Habsburgern setzte sich fort, als er 1908 vom Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, den Titel »Kammerphotograph« verliehen bekam. Am 8. Juli 1909 fotografierte Nähr Gustav Klimt vermutlich in einem der Innenhöfe auf dem Ausstellungsgelände der »Internationalen Kunstschau Wien 1909«.
Für seine Dienste bekam Nähr von Erzherzog Franz Ferdinand 1908 den Titel »Kammerphotograph« verliehen. Der Titel war eher eine Ehre und nicht unbedingt mit finanziellen Vorteilen verbunden. Als Nähr zu spät zum Fotografieren kam, soll der Erzherzog gefragt haben, warum er nicht mit einem Fiaker gekommen sei. Nähr antwortete, dass er sich das bei seinem Gehalt nicht leisten könne. Ab 1908 war Moriz Nähr Mitglied des Deutschen Werkbundes.
Am 8. Juli 1909 fotografierte Nähr Klimt vermutlich in einem der Innenhöfe auf dem Ausstellungsgelände der »Internationalen Kunstschau Wien 1909«, bevor er um den 12.07.1909 ebenfalls an den Attersee in die Sommerfrische reiste. Klimt schrieb an Emilie Flöge »[...] heute Vormittag fotografiert worden in d. Kunstschau durch Nähr - bin neugierig! [...]«
Vom 1. Mai bis Mitte Oktober 1909 zeigte Nähr Moriz Nähr auf der Internationalen Photographischen Ausstellung in Dresden Landschaften, Interieurs, eine Gemäldereproduktion, ein Porträt, Schnappschüsse und eine Werbephotographie einschließlich Kirchtagtanz.
Ab 1910 war Nähr im Impressum der Ausstellungskataloge der Secession als Verantwortlicher für die »Photographien für die Illustrationen« aufgeführt. Außerdem wurde er Schätzmeister in der Photographischen Gesellschaft für Landschafts-, Industrie-, Architektur und Blitzlichtfotografie. Er erhielt die Goldene Gesellschaftsmedaille en vermeil für langjährige und herausragende Verdienste und Leistungen in künstlerischer Fotografie.
Anlässlich des 80. Geburtstages von Kaiser Franz Joseph I. fand vom 7. Mai bis 16. Oktober 1910 die »Erste Internationale Jagd-Ausstellung« statt. Nährs Fotografien wurden nicht nur ausgestellt, sondern Nähr fotografierte auch die Ausstellung selbst.
1911 – 1918 Nähr und Klimt
Im Mai 1911 machte Nähr sein berühmtestes Foto: Gustav Klimt mit einer Katze vor seinem Atelier in der Josefstädter Straße. Später fotografierte er Klimts Atelier und den Garten in der Feldmühlgasse und hält somit das originale Gefege für die Nachwelt fest. Er erhielt auch einen Auftrag von Österreichs letztem Kaiser.
Im Mai 1911 machte Nähr sein berühmtestes Foto: Gustav Klimt mit einer Katze vor seinem Atelier in der Josefstädter Straße. Anlass für die Fotos in Klimts Hinterhofatelier war, dass der Künstler aufgrund von Abrissarbeiten gezwungen war, das Atelier zu verlassen.
1912 wurde Nähr Mitbegründer des Österreichischen Werkbundes. 1914 hält Nähr Klimt auf dem Weg in die Meierei Tivoli fest. Nähr traf sich dort regelmäßig mit Klimt und der »Frühstücksgesellschaft«.
Moriz Nähr dokumentiert Klimts Atelier und den Garten in der Feldmühlgasse fotografisch und hält somit das originale Gefege für die Nachwelt fest. Es entstand auch die letzte Porträtserie Gustav Klimts mit 54 Jahren. Im August zog Nähr mit Ludmilla in die Siebensterngasse 30/1/4/14, wo seine jüngere Schwester Antonia Nähr wohnte.
1917 oder 1918 erhielt Moriz Nähr den Auftrag, den fünfjährigen Kronprinzen Otto von Österreich zu fotografieren. Fotografien der Kinder von Kaiser Karl und Kaiserin Zita spielten eine große Rolle in der visuellen Propaganda des letzten Kaiserpaares.

1920 – 1929 Ludwig Wittgenstein
Nährs Kontakt zu Ludwig Wittgenstein war nicht nur beruflich, obwohl er verschiedene Aufträge von dem Philosophen und seiner Familie erhielt. Nähr war es, der das berühmte Foto von Wittgenstein und seinen Geschwistern anfertigte.
Mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951), stand Nähr in freundschaftlichem Kontakt, wie Briefe aus den Jahren 1920 und 1921 belegen. Ende März 1920 wollte Ludwig Wittgenstein gemeinsam mit Nähr, Ludmilla Waas und Antonia Nähr in die Siebensterngasse 30 ziehen. Dies war aufgrund der beengten Wohnverhältnisse nicht möglich. Ludwig Wittgenstein war es auch, der von Nähr ein Kompositfoto von sich und seinen Schwestern anfertigen ließ, da ihn das Thema Familienähnlichkeit sehr beschäftigte.
Als Maximilian Lenz am 7. Dezember 1926 Ida Kupelwieser, eine Nichte Karl Wittgensteins, heiratete, war Nähr sein Trauzeuge.
Im Alter von fast siebzig Jahren fotografierte Moriz Nähr das Haus Wittgenstein im 3. Wiener Gemeindebezirk, das Ludwig Wittgenstein gemeinsam mit dem Architekten Paul Engelmann für seine Schwester Margaret Stonborough-Wittgenstein (1882–1958) entworfen hatte. Die Fotografien entstanden, wie man anhand der Vegetation gut erkennen kann, zumindest an drei unterschiedlichen Terminen: Sommer 1928 bei fast vollendetem Bau, im Spätherbst 1928 und im Frühling 1929. Nähr schuf mit diesen Fotografien eine einzigartige Dokumentation des Hauses und einen fulminanten Beweis seiner unvergleichlichen Könnerschaft am Ende seiner Karriere.
1930 – 1945 Lebensabend
Moriz Nährs Beziehung zu Ludmilla Waas war glücklich, und er machte sie zu seiner Universalerbin. Er heiratete sie nur wenige Wochen vor seinem Tod. Am 29. Juni 1945 schied Moriz Nähr im Krankenhaus Lainz aus dem Leben. Seine Witwe Ludmilla überlebte ihn um nur wenige Jahre und verstarb am 7. Januar 1949.
Moriz Nähr verfasste sein Testament am 13. Dezember 1931 und setzte seine »treue Lebensgefährtin« Ludmilla Waas als Universalerbin ein. Vier Kunstwerke vermachte er seinem Neffen und Taufkind Karl Nähr, die dieser nach dem Tod von Ludmilla Waas erhalten sollte: zwei Porträts des Grazer Malers Ernst Christian Moser (1815–1867), die seine Mutter Antonia Nähr (1824–1899) und seine Großmutter mütterlicherseits Karolina Neumann (1798–1845) zeigen, sowie ein Genrebild und eine Gipsplastik mit fliegenden Amoretten.
Im Juni 1933 wurden Nährs Fotografien zum letzten Mal in einer Ausstellung präsentiert. Moriz Nähr ist bei der Ausstellung »Oesterreichs Bundesländer im Lichtbilde« mit Fotografien des Bundeslandes Wien vertreten und zeigt unter anderem Urbanikeller, Hof vor 30 Jahren, Ratzenstadl und eine Schönbrunn-Ansicht.
Anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahr 1939 erinnerte man sich an Moriz Nähr und brachte in der Allgemeinen Photographischen Zeitung einen Beitrag mit einer Fotografie.
Anfang der 1940er-Jahre wurde Moriz Nähr von dem Maler, Architekten und Schriftsteller Emil Pirchan (1884–1957) kontaktiert, der seine Monografie Gustav Klimt. Ein Künstler aus Wien vorbereitete. Ihm vertraute Nähr seine Erinnerungen an Gustav Klimt an. Pirchan beobachtete, wie Nähr »wieder jung wurde, als er von den vielen mit Klimt verlebten Stunden erzählte«.
Bis zuletzt verfügte Nähr nur über sehr bescheidene finanzielle Mittel, weshalb er in unregelmäßigen Abständen Teile seines Negativarchivs verkaufte. Die große Klimt-Ausstellung 1943 in Wien brachte Nähr wieder ins Gespräch, da sein Klimt-Porträt im Neuen Wiener Tagblatt veröffentlicht wurde. So gelang es ihm, im Mai 1943 rund 200 Glasnegative an das Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek zu verkaufen.
Erst wenige Wochen vor Nährs Tod heiratete er Ludmilla Waas. Es ist unklar, warum dies erst zu einem so späten Zeitpunkt – rund 50 Jahre nach ihrer ersten Begegnung – erfolgte. Vermutet werden darf, dass eine Ehe vorher nicht in Frage kam, weil Ludmilla noch nicht formell geschieden war. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie bereits Witwe war und eine Witwenpension bezog, auf die sie nicht verzichten wollte. Den Tod vor Augen wollte Moriz Nähr jedenfalls Ludmilla noch versorgt wissen.
Am 29. Juni 1945 schied Moriz Nähr im Krankenhaus Lainz aus dem Leben. Seine Witwe Ludmilla verkaufte in den Jahren danach mehrere Konvolute aus dem Nachlass Nährs an das Historische Museum der Stadt Wien, darunter auch Privataufnahmen und ein Puppentheater. Sie überlebte ihn um nur wenige Jahre und verstarb am 7. Januar 1949.